Als der SSC Südwest Ende 1950 seine Boxabteilung gründete, war das Amateurboxen in Berlin schon seit zwei Jahren wieder erlaubt worden.

Im Dezember 1948 fand die erste Berliner Amateurboxveranstaltung nach dem Krieg bei Kliens in der Hasenheide statt. In Westdeutschland gab es dieses Boxverbot nicht, und das Berufsboxen unterlag in ganz Deutschland keiner Beschränkung. Auch in Berlin bildeten sich nach der Zulassung die alten Vereine rasch wieder neu.

Der gesamt Berliner Sport wurde 1945 kommunal aufgebaut. Die einzelnen Bezirke bildeten Sportgruppen. Der kommunale Sport wurde offiziell erst zum 1. April 1949 beendet. Bis dahin "sollten sich die kommunalen Sportgruppen einem bestehenden Verein angeschlossen oder zur Neugründung eines Vereins entschlossen haben", so wörtlich aus einer Mitteilung des Magistrats von Groß-Berlin an sämtliche Vereinsgründer und kommunale Sportgruppen in den Westsektoren Berlins.

Solange hatten die Steglitzer Sportkameraden nicht gewartet, sondern hatten sich schon am 28.4.1947 zu einer Gründungsversammlung getroffen und den Verein "Sportclub Südwest 47" mit den sieben Abteilungen Handball, Leichtathletik, Basketball, Turnen, Schwimmen, Fußball und Tischtennis gegründet. Die Bezeichnung "Steglitzer" also SSC Südwest kam erst später dazu. Boxen war aus den vorher geschilderten Gründen natürlich noch nicht dabei. Das sollte nun 1950 nachgeholt werden, da sich das Boxen zur 2. Sportart hinter Fußball in Berlin entwickelt hatte. Heinz Hatscher, damals in der Fußballabteilung, übernahm die Initiative zusammen mit Erich Heinze, der unser 1. Vorsitzender werden sollte. Mit einigen Fußballern, die sich als Mitglieder zur Verfügung stellten, wurde die neue Abteilung beim Berliner Boxverband angemeldet.

Wie konnten wir dann unter diesen Voraussetzungen nur zwei Jahre später mit einer kompletten Staffel an den "Berliner Mannschaftsmeisterschaften", dem Erwin Thoma Pokal teilnehmen?

Schon ab 1946 wurde in dem von den Amerikanern gegründeten German Youth Activity Clubs (GYA) geboxt. Die Clubs führten untereinander auch zahlreiche Vergleichskämpfe durch. Ein Club befand sich in Lichterfelde am Jungfernstieg. Dort fand sich unter Anleitung von Max Leusch, ehemals Trainer der deutschen Heeresauswahl, eine starke Truppe zusammen. Hans-Henning Claer, Werner Eckert, Günter Pätzold, Horst Kruse, Gerhard Seidel, Helmut Schmidt und ich selbst gehörten dazu. Bis auf Clear, der 1949 Berliner Federgewichtsmeister wurde, alles spätere Südwestboxer.

Als sich die Vereine bildeten verlor das GYA-Boxen seine Bedeutung und die besten Leute schlossen sich den Vereinen an. Clear und ich gingen zum Polizei-Sport-Verein. Eckert und Seidel, der 1952 Deutscher Juniorenmeister wurde, zum TSV Tempelhof. Beide kamen dann 1953 zu Südwest.

In den ersten Monaten brauchten Hatscher und Heinze viel Optimismus nicht aufzugeben. Die Halle in der Dürerstr. erwies sich als völlig ungeeignet und der bekannte Ostberliner Trainer Fritz Huhn gab genervt auf, als er nur Anfänger trainieren sollte. Ich hatte bis 1951 beim Polizei SV 40 Kämpfe bestritten und war Berliner Vizemeister im Leichtgewicht. Ich erfuhr von dem Verein in meiner Nähe und wechselte zum SSC Südwest. Jetzt kamen auch die anderen Boxer, die weiter im GYA-Club trainiert hatten, ohne sich einem Verein anzuschließen. Wir konnten unsere Trainigsstätte in das Lichterfelder Stadion verlegen und gewannen Fritz Gahrmeister, Mittelgewichtsmeister bei den Profis von 1948 bis 1950 als Trainer.

Mit Klaus Schneider, mir, Günter Pätzold, Helmut Schmidt, Ingo Metzelthin, Horst Kruse und Hans Schmidt hatten wir eine Mannschaft zusammen, die an der Berliner Mannschaftsmeisterschaft teilnahm. Mit Dieter Lichtwer und Harald Jacobitz hatten wir sehr gute Junioren, die 1954 Berliner Meister wurden und bei den Deutschen Meisterschaften die zweiten Plätze belegten.

Bei den Berliner Endkämpfen war Südwest von 1951-1956 immer vertreten. Werner Eckert Gerhard Seidel, Günter Lorenz und ich selber waren unsere Finalisten. Zu einem Meistertitel reichte es aber jedesmal nicht, weil mit dem Europameister Kurschat und dem Deutschen Meister Heidemann überragende Boxer in Berlin ihre Gewichtsklasse dominierten. Bei aller gebührender Anerkennung unserer Leistungen entschied sich damals durch die Niederlagen in den entscheidenden Kämpfen, daß wir den Durchbruch zu einem in Berlin führendem Club nicht schafften. Außerdem fehlten uns immer die dringend notwendigen Funktionäre. So stellten wir nie, und das bis heute, einen Punkt- oder einen Ringrichter. Allein Heinz Hatscher arbeitete im Vorstand des Berliner Boxverbandes mit. Er war jahrelang im Rechtsausschuß und 1972 2. Vorsitzender des BBV.

Zwei gravierende Unterschiede von damals bis heute möchte ich herausstellen. Wir boxten in den 50er Jahren vor großer Kulisse. Die Endkämpfe fanden in der Austellungshalle am Funkturm oder im Sportpalast statt. Heute finden sich 400 Zuschauer in der Bruno-Gehrke Halle ein. Die Presse berichtete ausführlich auch über lokale Veranstaltungen. Zum zweiten spielte der Amateurstatus noch eine große Rolle, so daß die Boxer sich nicht trauten für ihren Sport Geld anzunehmen. Wenn es doch mal der Fall gewesen seien sollte erfuhr es kein Dritter.

Schon 1953 kam mit Waldemar Gossow ein sehr engagierter Trainer zu uns. Ihm war es zu verdanken, das Südwest auf zahlreichen gut ausgebildeten Nachwuchs zurückgreifen konnte, als die Kämpfer der ersten Stunde aufhörten. Pätzold wanderte nach den USA aus, Eckert wechselte den Verein, Gerhard Seidel, Kruse, Schmidt und ich hörten auf. Leider auch Dieter Lichtwer, unser Juniorenmeister von 1954.

1956 standen Gossow neben Harald Jacobitz mit Günter Lorenz, Manfred Bittschier, Eddi Kuchenbecker, Friedrich Ziehm, Wolfgang Hentschel, Georg Jansen, Reinhard Jahn, Horst Zachlod, Ralf Kublinski, Jürgen Kische u.a. eine große Anzahl hoffnungsvoller Kämpfer zu Verfügung. Bei den Berliner Meisterschaften 1956 war Günter Lorenz Vizemeister im Halbweltergewicht. Es sollten für lange Jahre die letzten Endkämpfe mit Südwestbeteiligung bleiben. Harald Jacobitz, nach seinem großartigen Kampf gegen Europameister Basel der Favorit im Fliegengewicht, konnte wegen einer Verletzung nicht starten. Noch im August desselben Jahres verunglückte Harald dann bei einem Arbeitsunfall tödlich. Die Jahre 55-60 zeichneten sich durch die vielen lokalen Veranstaltungen aus, die Südwest in eigener Regie oder zusammen mit anderen Vereinen durchführte. Besonders gelungen waren die Veranstaltungen auf dem Düppelmarkt anläßlich der Steglitzer Festwochen. Unsere Boxer, die durchweg durch technisch sauberes Boxen auffielen, erreichten zahlreiche Turniersiege wie z.B. den BZ-Pokal oder dem Juliusturm Turnier und waren auf allen lokalen Veranstaltungen vertreten. Diese hoffnungsvolle Entwicklung wurde beendet als Gossow Berlin verließ und nach Westdeutschland übersiedelte. Friedrich Ziehm übernahm den verwaisten Trainerposten. Seine Zeit wurde geprägt von Günter Lorenz und Manfred Bittschier. Günter brachte es bis 1965 auf 95 Kämpfe. Viele davon bei Reisen im Ausland was damals durchaus noch was Besonderes war. Bittschier machte die letzten seiner 75 Kämpfe 1972. Wegen seines kampfbetonten Stils war Manfred beim Publikum besonders beliebt. Ziehms hoffnungsvollster Boxer war Rainer Müller, der aber bald zu den Profis übertrat, bei denen er Deutscher Meister im Halbmittelgewicht wurde. Eddi Kuchenbecker, Wolfgang und Peter Hentschel sind weitere Boxer dieser Jahre. 1966 fand auch ich wieder zum Verein zurück. Walter Stobbe, der neben Ziehm Trainer war, überredete mich die 100 Kämpfe noch voll zu machen. Ich hatte 95. Es wurden 105. Das Training fand jetzt in der neu erbauten Gymnastikhalle im Lankwitzer Gemeindepark statt. Schon bei der Planung hatten wir bewirkt, daß die Halle speziell für Boxen ausgestattet wurde.

Als 1972 mit Manfred Bittschier unser letzter bekannter Boxer aufhörte, und Erich Heinze, dessen 3 Mann Betrieb sich zu einer Firma mit über 50 Angestellten entwickelt hatte, nach 20 Jahren den Vorsitz aufgab, drohte der Abteilung das Ende. Um das zu verhindern übernahm Eddi Kuchenbecker den Vorsitz und ich das Training und ab 1980 auch das Amt von Kuchenbecker. Hatscher, inzwischen Vorsitzender des Gesamtvereins, blieb immer Geschäftsführer. Es folgten 10 Jahre, in denen die Halle zwar voll aber das Interesse an öffentlichen Kämpfen gering war. Wir hatten jedoch immer einige Aktive wie z.B. Ingo Franke oder Ali Kirtas, die 10 Kämpfe bestritten. Andere begnügten sich mit weniger. Das änderte sich erst ab 1985 als wir mit Thomas Adam und Ralf Boge zwei gute Junioren hatten. Adam scheiterte in der Meisterschaft knapp an dem Spandauer Sven Ottke, dem eine erfolgreiche Karriere als Deutscher- und Europameister bevorstand. Bei den Junioren etablierten sich Michael Baczynski und Mario Zippel in der Spitzengruppe. Michael Kalisch und Thorsten Butterbrodt machten ihre ersten Kämpfe.

Als 1989 Heinz Hatscher starb, wählten wir einen neuen Vorstand. Wolfgang Krause wurde Vorsitzender und Michael Kalisch Trainer, Sportwart und Geschäftsführer.

Hier endet Erwin Lorenz Aufzeichnung und ich (Michael Kalisch) werde versuchen die Chronik bis Heute 1996 zu vervollständigen.

!989 wurde Thorsten Butterbrodt gegen Rene Deutschmann zum ersten mal Berliner Meister im Halbschwergewicht. Ich verlor im Halbfinale gengen den grade mit einer Bronzemedallie von der Europameisterschaft aus Athen zuückgekehrten Sven Ottke im Mittelgewicht.

1990 wechselte mit Klaus Nitsche ein neuer sehr erfahrener Trainer vom BC Heros zu uns.

Mit Thorsten Butterbrodt hatte die Boxabteilung endlich wieder ein Aushängeschild. Während wir immer mit einer Anzahl Boxer bei den Juliusturm und Gesundbrunnen Turnieren erfolgreich vertreten waren, startete Thorsten für den Boxring Berlin im Halbschwergewicht in der ersten Bundesliga.

Bei den Berliner Meisterschaften mußte er sich im Finale diesmal mit 3:2 Richterstimmen gegen Rene Deutschmann geschlagen geben. Aufgrund seiner über das ganze Jahr hinweg durfte er trotzdem zur Deutschen Meisterschaft mitfahren, wo er den dritten Platz belegte. Durch diesen Erfolg erschien sein Name und der Name Südwest erstmals in der Computer rangliste der besten Deutschen Boxer auf dem 8. Platz im Halbschwergewicht.

Als im Oktober 91 zum ersten mal nach 43 Jahren wieder Gesammtberliner Meisterschften stattfanden, wurde Thosten zum zweiten mal Berliner Meister. In diesem Jahr wurden auch erstmals Berlin Brandenburgische Meisterschaften ausgetraten. Bei diesem Vergleich Boxen die Berliner Meister gegen die Meister aus Brandenburg. Der Sieger qualifizierte sich für die Teilname an der Deutschen Meisterschaft. Hier konnte Thorsten Butterbrodt Thorsten May besiegen, der ein paar Monate später Weltmeister und Olympiasieger wurde. Beim berliner TSC Turnier verlor er dann gegen May und errang die Silbermedallie.

Seit dem hatten wir mit Thorsten Butterbrodt immer einen Abbonementmeister bei den Berliner und den Berlin-Brandenburgischen Meisterschaften, wo er wenn nicht Meister so doch Vizemeister wurde.

Leider wurden unser Aktiven Kämpfer in der zeit von 1991 bis 1996 immer weniger, so daß bis ende 1993 nur noch ein Aktiver Kämpfer nämlich Thorsten übrigblieb. Ich verabschiedete mich 1993 mit einem 2. Platz bei den Deutschen Studentenmeisterschaften gegen den ehemaligen Nationalstaffelboxer Bernd Hieber vom aktiven Geschehen um nur noch als Trainer dabeizubleiben. Um so erfreulicher war das Jahr 1994 wo wir mit Wadimir Hrtmann, Ferid Tounsi und Thorsten Butterbrodt wieder drei Kämpfer zu den Veranstaltungen schicken konnten. Mit Wladimir Hartmann hatten wir zum ersten mal seit langer Zeit wieder einen Schüler am Start. Nach einem zweiten Platz beim Gesundbrunnenturnier gewann der anschließend bei den den Berliner Schüler und Jugendmeisterschaften den Titel im Jugend A Halbweltergewicht. Ferid Tounsi belegte den 1. Platz beim Juliusturm Pokal und Thorsten Butterbrodt wurde wieder mal Berlin Brandenburgischer Meister im Halbschwergewicht.

Seit dem 1994 unser langgediehnter Platzwart in den Ruhestand gegangen ist und der Berliner Senat immer mehr spart, ist nun erstmals in den Schluferien die Halle geschlossen. 1995 hat sich unsere Situation nun noch mehr verschlechtert, so ist die Halle nun auch noch geschlossen wenn der Platzwart krank ist oder als Vertretung für einen andern von unserer Halle abgezogen wird.

Trotzdem hat sich die Zahl der Mitglieder der Boxabteilung von 1990 bis 1996 verdoppelt. Als ich 1990 die Bücher unserer Abteilung übernahm, blieben nach entfernen der sogenannten Karteileichen gerade noch 30 Mitglieder übrig. Am 1.1.96 standen nun schon 60 Mitglieder in der Kartei.